Aktuell

Wien hält zusammen, 8. November 2020

Heute gibt es in meinem Instagram-Feed kein pellmanntypisches Pfützenfoto. Keine schöne Stadtsilhouette und auch keinen goldgelben Herbst-Blättertraum.
Die heute zu Ende gehende Woche empfand ich als die anstrengendste Woche seit elf Jahren. Sicherlich, auch das Frühjahr mit dem ersten Corona-Lockdown war anstrengend. Doch waren damals die Akkus voll aufgeladen. Der Frühling stand vor der Tür, die Tage wurden länger und wärmer und man (ich) hatte das Gefühl, dass man das schon irgendwie hinbekommt. Und so war es dann ja auch. Kurzfristig ging es wieder bergauf. Und man (ich) dachte, dass man das Schlimmste hinter sich hatte, den Herbst würde das Land coronatechnisch dann schon irgendwie übertauchen. Man wusste ja nun, was auf einen zukam, die Politik würde sich und uns schon ordentlich vorbereiten.
Der Sommer ging, es kam der Herbst. Die Tage wurden kürzer und dunkler, die Nicht-Nachdenker*innen und Masken-Verweiger*innen, jene, die eh immer alles besser wissen als Wissenschaftler*innen und Expert*innen, feierten in ihren Scheunen und Kellern, in Bars und im FPÖ-Wahlkampf ihre feuchtfröhlichen Feste.
Dann kam der November. Der zweite Lockdown wurde angekündigt, man kannte das ja schon, ist lästig, aber zumindest die Kindergärten/Schulen bleiben offen. Wird sich schon irgendwie alles ausgehen, denkt sich der gelernte Wiener auch weiterhin. Und auf einmal geht sich gar nix mehr aus, fallen an einem Montagabend, keine zwei Kilometer von deinem Zuhause, in dem deine Frau gerade deinen kleinen Sohn ins Bett bringt, Schüsse. Dort, wo du als Teenager das erste Mal im Vollrausch gspiebn hast. Dort, wo du mit Deiner ersten Freundin zusammengekommen bist. Dort, wo du dir mal ein WG-Zimmer angschaut hast. Du sitzt am Computer, weil du schnell noch was erledigen wolltest, als dich ein Freund aus Vorarlberg via WhatsApp fragt, was da los ist in Wien. Wird schon nix Schlimmes sein, denkst du dir. Auf orf.at nachgeschaut. Doch was Schlimmes. Den Fernseher aufgedreht, Puls24. Parallel dazu der Standard.at-Liveticker. Und dann senkte sich dieser graue Schleier über mich, dieser nebulöse Mix aus Trauer, Angst und Wut, der eigentlich so gar nicht zu diesem lauen Novemberabend passte. Doch aufgrund der unklaren Lage war an diesem Abend nichts da, das ich beweinen konnte. Es war nichts da, vor dem ich Angst haben konnte. Es war nichts da, auf das ich wütend sein konnte.
Im Lauf der folgenden Tage lichtete sich dieser Schleier ein wenig. Wut, Trauer und Angst bekamen ein Gesicht, wurden real. Und in meinem Kopf folgte eine ziemliche Unordnung.
Am Freitag war ich zum ersten Mal am Ort des Geschehens. Auch, so wie ich es schon in meiner Instastory beschrieben hatte, weil ich die Schwelle, diese eigentlich vertrauten Orte wieder zu betreten, nicht zu groß werden lassen wollte. Immerhin ist das meine Stadt, die lasse ich mir nicht nehmen, dachte ich mir, unterstützt und genährt von all den „Schleich di‘, du Oaschloch“-Slogans und Hashtags. So bin ich am Freitag also von einem Kerzenmeer zum nächsten gegangen, habe innegehalten, habe meinen Tränen freien Lauf gelassen, habe Jugendliche kritisch beäugt, die lautstark die Einschusslöcher bestaunten, habe die Menschen beobachtet, wie sie weitere Kerzen angezündet und Blumen niedergelegt haben, habe mich über Menschen geärgert, die mit ihren Handyvideos aus nächster Nähe im niveaulosen Boulevard-Stil von OE24 Weinende und Trauernde gefilmt haben (fuck you!). Was blieb, war die Unordnung in meinen Gedanken. Eine Unordnung, die auch heute anhält. Eine Unordnung, die noch lange anhalten wird. Auch wenn ich das große Glück hatte, nicht direkt von den Ereignissen am Schwedenplatz betroffen gewesen zu sein. Aber kann man von einem solchen Ereignis tatsächlich nicht direkt betroffen sein?
So ist dieser Text ein Versuch, meine Unordnung ein bisschen in Reih‘ und Glied zu bringen. Schreiben hilft bei mir, immer.
Heute also kein pellmanntypisches Pfützenfoto. Keine schöne Stadtsilhouette. Und auch kein goldgelber Herbst-Blättertraum. Kein Foto, bei dem die Likes pausenlos aufpoppen werden. Dafür ein Foto von einer Hauswand am Morzinplatz, an der Menschen auf Blättern ihre Botschaften hinterlassen haben. Ein Foto von einem Blatt sowie drei darauf geschriebenen Wörtern, das mir in diesen Tagen Kraft gibt, viel mehr als der oben bereits erwähnte „Schleich di'“-Sager. Denn solange die Menschen zusammenhalten, egal welche Herkunft sie haben, welchen Gott sie anbeten oder welcher Ideologie sie anhängen, solange gibt es allen Grund zur Hoffnung.

Start des Podcasts donau.kanal im Mai 2020

Im November 2020 startete das neue Podcast-Format „Journal Donaukanal“. Bereits im Frühjahr 2020 habe ich in zehn Podcast-Episoden meinen Krimi Hängende Spitze eingelesen. Alle Infos dazu findet ihr im Menupunkt Podcast.

Lukas Pellmann liest für Amnesty International

Am 3. Dezember 2019 habe ich anlässlich des #GivingTuesday für Amnesty International Österreich aus Prater gelesen. Warum ich mich in diesem Rahmen für Amnesty International engagiert habe, erfahrt ihr in diesem Video. Fotos von der Veranstaltung in der Thalia-Buchhandlung auf der Mariahilfer Straße finder ihr hier.

 

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